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Das Geschäft mit dem Müll

Regieteam Christian Krönes (li) Florian Weigensamer (re)
Regieteam Christian Krönes (li) Florian Weigensamer (re)
Regieteam Christian Krönes (li) Florian Weigensamer (re) © Foto: Blackbox Film

Agbogbloshie – eine der größten Elektro-Müllhalden der Welt, ein No Man’s Land und gleichzeitig der Arbeitsplatz von rund 6000 Frauen, Männern und Kindern. Christian Krönes und Florian Weigensamer, Regisseure des Filmes “Welcome to Sodom”, sprechen über ihre Erfahrungen.

Können sie sich noch an den Moment erinnern, an dem sie von diesem Ort erfahren haben und was war der Auslöser, welcher sie dazu bewegt hat, diesen Film zu drehen?

Weigensamer: Wir haben aus den Medien von diesem Ort erfahren. Anfang der 2000er-Jahre wurden im Rahmen eines Entwicklungshilfeprojekts gebrauchte elektronische Geräte nach Ghana exportiert. Findige Geschäftemacher erkannten bald, dass daneben mit dem Export von Elektroschrott gute Geschäfte zu machen sind. Die Deponie von Agbogbloshie ist heute Sinnbild für den digitalen Sündenfall der industrialisierten Welt gegenüber den Ländern des Südens. Die Menschen dort recyclen jene Reste, die unsere schnelllebige Konsumgesellschaft nicht mehr braucht.

Der Moment, an dem sie das erste Mal vor Ort waren, die Menschen kennenlernten und diese über Wochen begleiteten – was waren ihre ersten Emotionen bzw. Eindrücke und wie haben sich diese im Laufe der Dreharbeiten verändert?

Krönes: Dieser Ort ist in seiner Dimension weder in Worten noch in Bildern fassbar, ein digitaler Friedhof mit monströsen Ausmaßen jenseits unserer Vorstellungskraft. Er vermittelt eine postapokalyptische Endzeitstimmung wie aus einem Science-Fiction-Film, ist aber dennoch real. „Sodom“, wie die Menschen diesen Ort nennen, ist das Spiegelbild unserer Wegwerfgesellschaft oder besser dessen hässliche Kehrseite. Überall ist Rauch und Feuer, ohrenbetäubender Lärm, eine zähflüssige, stinkende Kloake, die einst ein Fluss war, schiebt sich Richtung Lagune. Sodom gilt ja als einer der giftigsten Orte der Erde. Es wird empfohlen, sich nicht länger als zwei Stunden an diesem Platz aufzuhalten. Wir haben drei Monate dort verbracht, die durchaus prägend waren.

Ein Filmteam mit teuren Kameras – welche Hürden mussten Sie überwinden, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen? Ist es ihnen überhaupt gelungen?

Weigensamer: Wir wollten über einen längeren Zeitraum in den einzigartigen Mikrokosmos von Agbogbloshie eintauchen. Es hat Wochen gedauert, uns an diesem Ort zu orientieren. Und es war auch nicht einfach das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Besonders einem weißen Filmteam begegnen die Leute mit großer Skepsis. Erst als wir Tag für Tag wiederkamen, begannen sich die Leute auch für uns zu interessieren und wir konnten zu manchen eine gewisse Nähe aufbauen. Diese Nähe braucht man, um den Menschen auf Augenhöhe begegnen zu können und diesen Un-Ort zu verstehen.

Ist es nicht besonders zynisch, zu sagen, dass unser Müll den Menschen vor Ort Hoffnung gibt? Hoffnung auf Arbeit? Wie lässt sich dieser Teufelskreis durchbrechen?

Krönes: Zynisch betrachtet ist es eine perfide Win-win-Situation für beide Seiten. Europa kann seinen Müll kostengünstig,  ja gewinnbringend entsorgen und dieser Elektroschrott ermöglicht den Ärmsten in Ghana ein kärgliches Überleben. Das ist die bittere Realität. Für die dort lebenden Menschen ist es jedoch ein Ort voller Perspektiven. Im scheinbaren Chaos der Müllhalde entdeckt man eine perfekte Organisation, ja Ordnung. Und man lernt Menschen kennen, die im besten Sinne „Recycling“ betreiben. Denn auf Accras Müllhalde wird wirklich alles (wieder-) verwertet und es bleibt kaum etwas übrig. Allerdings ungeachtet der katastrophalen ökologischen Auswirkungen.

Glauben Sie, dass Menschen, die Ihren Film gesehen haben, nun anders mit ihrer Umwelt umgehen? Was wollten sie bewirken und was meinen Sie rückblickend, bewirkt zu haben?

Weigensamer: Unser Film soll keine Anklage sein, sondern eine Reflexion auf die globalisierte Gesellschaft, die einmal mehr zum Nachdenken über unser Konsumverhalten und Nachhaltigkeit anregen soll. Wir wollten den Zuschauer in dieses unwirkliche Setting eintauchen und fühlen lassen, was Arbeit und Leben an einem so gnadenlosen Ort bedeutet. Es ist ein Problem, das durch die Globalisierung entstanden ist, für das es nur globale Lösungen geben kann. Es würde schon genügen, den Kontinent Afrika nicht länger auszubeuten. Denn von dort kommen die meisten Rohstoffe, die in den Industrieländern kurzzeitig eine unglaubliche Wertsteigerung erfahren und als Müll wieder nach Afrika zurückkehren.

Welche Bedeutung hat der Begriff „Ressourcenmanagement“ für sie und wie viel Eigenverantwortung können wir als Konsumenten übernehmen?

Krönes: Es ist erschreckend, zu erfahren, dass in vielen Ländern Europas weniger als die Hälfte des anfallenden Elektromülls ordnungsgemäß entsorgt wird. Wir leben allerdings in einer Zeit, in der uns die Endlichkeit unserer Ressourcen mehr und mehr bewusst wird. Das gibt eine gewisse Hoffnung für einen verantwortungsvolleren Umgang damit.


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